„Es ist einfach nicht mehr so wie früher.“

Dieser Satz fällt oft, wenn Menschen über ihre langjährige Beziehung sprechen.

Und meistens steckt Sehnsucht darin.

Früher haben wir stundenlang geredet.
Früher konnten wir kaum die Finger voneinander lassen.
Früher haben wir uns aufeinander gefreut.
Früher war alles irgendwie leichter.

Mit diesem „Früher“ im Kopf schauen wir auf das, was heute zwischen uns ist und vergleichen.

Und beim Vergleichen kommt die Gegenwart oft ziemlich schlecht weg.

Was ist mit uns passiert?

Ist die Liebe weg?

Haben wir uns auseinandergelebt?

War es vielleicht doch nicht der richtige Mensch?

Unsere Vorstellungen von LIEBE sind stark geprägt.

Von inneren Geschichten. Filmen Liedern. Romanen. Von Bildern glücklicher Paare. Vom Mythos des EINEN Menschen, der uns endlich findet, versteht, glücklich macht und mit dem dann bitte möglichst alles für immer leicht und schön bleibt.

Hollywood endet gerne beim Kuss.

Zwei Menschen haben sich nach vielen Irrungen und Wirrungen endlich gefunden, die Musik wird laut, Sonnenuntergang, ENDE.

Was danach kommt, sehen wir eher selten.

Den dritten Winter miteinander.

Die schlechte Laune am Montagmorgen.

Die unterschiedlichen Vorstellungen von Nähe, Sex, Geld, Kindern, Ordnung, Freiheit oder Urlaub.

Alte Wunden, die berührt werden.

Den Moment, in dem wir feststellen:

Der andere ist tatsächlich ANDERS.

Und er bleibt es möglicherweise sogar.

Willkommen in Beziehung.

Wir lernen nirgendwo Beziehung

Was ich wirklich erstaunlich finde:

Wir lernen so unglaublich viel.

Wir gehen jahrelang zur Schule, machen Ausbildungen und Studiengänge, lernen Autofahren, Fremdsprachen, Steuerrecht und wer weiß was noch alles.

Aber wie eine tiefe Liebesbeziehung gelingen kann?

Wie wir streiten, ohne den anderen innerlich zu vernichten?

Wie wir unsere Bedürfnisse erkennen und ausdrücken?

Wie wir mit Verletztheit umgehen?

Wie wir Nähe zulassen und gleichzeitig bei uns bleiben?

Wie wir mit unseren alten Prägungen umgehen, wenn sie mitten in unserer Partnerschaft plötzlich das Steuer übernehmen?

Bewusstheit. Selbstrefektion. Das lernen wir meistens NIRGENDWO.

Und trotzdem glauben wir irgendwie, Beziehung müsse man einfach können.

Wenn es der „richtige“ Partner ist, wird es schon laufen.

Und wenn es nicht läuft?

Dann scheint mit der Beziehung etwas nicht zu stimmen.

Oder wahrscheinlich mit dem anderen.

Aber stimmt diese Schlussfolgerung überhaupt?

Beziehung beginnt dort, wo die romantische Geschichte aufhört

Am Anfang einer Liebesbeziehung sehen wir den anderen nicht unbedingt so, wie er wirklich ist.

Wir sehen auch unsere Hoffnungen.

Unsere Sehnsüchte.

Unsere Projektionen.

Wir verlieben uns und erleben etwas Wundervolles. Das darf genauso sein.

Irgendwann bekommt die rosarote Brille Kratzer.

Der andere kann unsere Erwartungen nicht dauerhaft erfüllen. Er versteht uns nicht immer. Er reagiert anders, als wir es gerne hätten. Er berührt Punkte in uns, von denen wir manchmal gar nicht wussten, dass es sie gibt.

Hier entscheidet sich viel.

Laufen wir weg?

Versuchen wir, den anderen passend zu machen?

Oder sind wir bereit hinzuschauen?

Denn Beziehung ist mehr als miteinander schöne Gefühle zu produzieren.

Beziehung bedeutet auch, sich wirklich kennenzulernen.

Den anderen.

Und sich selbst.

Beziehung ist ein Entwicklungsraum

Eine langfristige Partnerschaft konfrontiert uns ziemlich zuverlässig mit uns selbst.

Mit unserer Angst vor Ablehnung.

Unserem Wunsch nach Kontrolle.

Unserer Eifersucht.

Unserem Rückzug.

Unserem Bedürfnis Recht zu haben.

Mit der kleinen beleidigten Person in uns, die denkt:

„Wenn Du mich wirklich lieben würdest, dann würdest Du doch…“

Ja.

Da wird es interessant.

Denn wir können unser ganzes Leben damit verbringen, am anderen herumzudoktern.

Oder wir beginnen zu fragen:

Was geschieht hier gerade IN MIR?

Warum trifft mich das so?

Was wünsche ich mir wirklich?

Was wage ich vielleicht selbst nicht zu geben?

Wo verteidige ich mich, obwohl ich mir eigentlich Nähe wünsche?

Wo wiederhole ich etwas Altes?

Das ist nicht immer bequem.

Entwicklung ist nicht Wellness.

Manchmal tut sie weh.

In einer bewussten Beziehung können zwei Menschen einander dabei helfen, immer wahrhaftiger zu werden.

Nicht indem sie sich gegenseitig therapieren.

Sondern indem beide bereit sind, Verantwortung für das Eigene zu übernehmen und gleichzeitig in Verbindung zu bleiben.

Liebe bedeutet nicht, dass alles gleich bleibt

Wir haben offenbar eine merkwürdige Vorstellung davon entwickelt, dass eine gelungene Beziehung möglichst lange so bleiben sollte wie am Anfang.

Aber warum eigentlich?

Wir selbst bleiben doch auch nicht gleich.

Wir erleben Dinge. Verlieren Menschen. Werden Eltern oder eben nicht. Werden älter. Scheitern. Lernen. Werden krank und wieder gesund. Ändern unsere Werte, Wünsche, Körper, Vorstellungen und manchmal unsere ganze Sicht aufs Leben.

Warum sollte ausgerechnet unsere Beziehung davon unberührt bleiben?

Eine lebendige Beziehung MUSS sich verändern, weil zwei lebendige Menschen sich verändern.

Die Frage ist also vielleicht gar nicht:

„Wie schaffen wir es, dass es wieder so wird wie früher?“

Sondern:

Wer sind wir HEUTE und wie möchten wir uns von hier aus begegnen?

Das ist etwas anderes.

Wir müssen keinen vergangenen Zustand wiederherstellen.

Wir dürfen herausfinden, wer der Mensch ist, der heute vor uns sitzt.

Und wer wir selbst inzwischen geworden sind.

Gemeinsam wachsen heißt nicht, immer gemeinsam einer Meinung zu sein

Tiefe Beziehung bedeutet auch nicht, dass zwei Menschen irgendwann wie ein perfekt eingespieltes Doppel durch die Welt schweben.

Das wäre vermutlich wieder Hollywood.

Zwei Menschen bleiben zwei Menschen.

Mit eigenen Bedürfnissen.

Eigenen Entwicklungswegen.

Eigenen Grenzen.

Eigenen Wahrheiten.

Das WIR wird nicht stark, indem das ICH verschwindet.

Im Gegenteil.

Eine reife Beziehung kann immer mehr Raum dafür schaffen, dass beide wahrhaftiger sie selbst werden können UND sich trotzdem immer wieder füreinander entscheiden.

Das ist eine große Kunst:

Nicht miteinander zu verschmelzen.

Nicht voreinander wegzulaufen.

Sondern sich immer wieder neu aufeinander zuzubewegen.

Und irgendwann entsteht eine andere Liebe

Vielleicht ist sie weniger berauschend.

Vielleicht macht sie nicht mehr ständig Herzklopfen.

Vielleicht sieht sie von außen sogar ziemlich unspektakulär aus.

Aber sie kann wahrhaftiger geworden sein.

Weil wir den anderen inzwischen auch mit seinen Ecken kennen.

Weil wir miteinander durch dunkle Täler gegangen sind.

Weil wir gestritten, geweint, vergeben, neu gewählt haben.

Weil wir aufgehört haben, ausschließlich nach dem Idealbild zu suchen und begonnen haben, den wirklichen Menschen zu sehen.

Die Beziehung ist also tatsächlich nicht mehr wie früher.

Zum Glück.

Denn „früher“ war der Anfang.

Was später entstehen kann, hat eine andere Tiefe:

Eine Beziehung, in der zwei Menschen nicht nur miteinander glücklich SEIN wollen, sondern bereit sind, miteinander zu lernen.

Zu wachsen.

Wacher zu werden.

Sich immer wieder neu zu begegnen.

Vielleicht ist das Langzeitliebe.

Kein Zustand, den wir irgendwann erreicht haben.

Sondern eine gemeinsame Entwicklungsreise.

Immer wieder neu.

Schau einmal auf Deine eigene Beziehung:

Versuchst Du gerade, etwas zurückzubekommen, was einmal war?

Oder interessierst Du Dich noch dafür, was zwischen Euch HEUTE möglich ist?

Kennst Du den Menschen an Deiner Seite heute wirklich noch?

Und kennt er Dich?

Redet miteinander.

Seid neugierig.

Traut Euch, Euch immer wieder neu kennenzulernen.

Denn Beziehung lernen wir nicht irgendwann und dann können wir sie.

Wir lernen Beziehung IN Beziehung.

Ein Leben lang.

Und darin liegt eines ihrer größten Geschenke.

Herzliche Grüße,
Gabriele

14 Liebestipps zum Download