Warum unsere Beziehungen jetzt unser sicherer Hafen sind
Unsere Zeit ist intensiv.
Im Außen erleben wir Unsicherheit, Spannungen, Dauerinformationen, Krisen. Und im Innen? Dort arbeiten unsere Nervensysteme auf Hochtouren. Viele Menschen leben inzwischen in einem Zustand, der sich kaum noch nach Ruhe anfühlt. Eher nach Anspannung. Nach latenter Alarmbereitschaft. Nach einem „Es ist einfach zu viel“.
Vielleicht kennst Du das.
Du reagierst schneller gereizt als früher.
Kleine Bemerkungen treffen Dich tiefer.
Du ziehst Dich zurück, obwohl Du eigentlich Nähe willst.
Oder Du funktionierst einfach nur noch.
Was wir gerade kollektiv erleben, ist für viele ein Leben außerhalb des sogenannten Window of Tolerance, außerhalb des inneren Toleranzfensters, in dem wir uns sicher, verbunden und handlungsfähig fühlen.
Und genau hier beginnt unser Beziehungsthema. Denn Beziehung braucht Regulation.
Wenn wir nicht reguliert sind
Solange wir reguliert sind, können wir fühlen, denken, sprechen und handeln, ohne uns selbst oder den anderen zu verlieren. Wir bleiben in Kontakt. Mit uns. Und mit dem Gegenüber.
Doch wenn unser Nervensystem überfordert ist, wechseln wir in alte Überlebensmuster.
Manche Menschen gehen in die Übererregung. Sie werden laut, kontrollierend, vorwurfsvoll oder ängstlich. Das System steht auf Angriff oder Verteidigung. Jede Kleinigkeit kann wie eine Bedrohung wirken.
Andere gehen in die Untererregung. Sie ziehen sich zurück, werden still, innerlich leer oder taub. Es fühlt sich an wie ein Abschalten, wie ein „Ich bin nicht mehr richtig da“.
Beides sind Schutzmechanismen. Keine Charakterschwächen. Keine Bosheit.
Und doch haben sie Folgen.
Wir hören nicht mehr wirklich zu.
Wir interpretieren schneller als wir nachfragen.
Wir reagieren statt zu antworten.
Wir kämpfen oder verschwinden.
Nähe wird dann vielleicht anstrengend. Konflikte eskalieren schneller. Und irgendwann entsteht das Gefühl: „Mit uns stimmt etwas nicht.“
Dabei ist oft nicht die Beziehung das Problem, sondern die fehlende Regulation.
Warum unsere Nervensysteme überfordert sind
Unsere Systeme sind nicht für Dauerstress gemacht. Sie sind darauf ausgelegt, zwischen Anspannung und Entspannung zu pendeln. Doch genau dieses Pendeln gelingt vielen Menschen kaum noch.
Ständige Erreichbarkeit, Nachrichtenflut, Leistungsdruck, Zukunftssorgen, all das hält uns in subtiler Alarmbereitschaft. Hinzu kommen alte, unverarbeitete Erfahrungen. Viele von uns haben nie wirklich gelernt, sich selbst zu beruhigen. Als Kinder brauchten wir Co-Regulation, jemanden, der uns gehalten, gespiegelt und Sicherheit vermittelt hat. War diese Erfahrung brüchig, fehlt uns heute oft die innere Stabilität.
Dann erwarten wir unbewusst vom Partner, dass er uns reguliert. Dass er sich so verhält, dass wir uns sicher fühlen. Und wenn das nicht geschieht, geraten wir in Vorwurf oder Rückzug.
Doch Regulation ist zunächst unsere eigene Verantwortung.
Und gleichzeitig sind wir Beziehungswesen. Wir beeinflussen uns gegenseitig. Ein ruhiger Mensch kann ein aufgewühltes System beruhigen. Eine sanfte Stimme, ein langsamer Atem, ein präsenter Blick, all das wirkt stärker als jedes Argument.
Das ist Co-Regulation.
Was sich verändert, wenn wir reguliert sind
Wenn wir uns innerhalb unseres Toleranzfensters bewegen, verändert sich Beziehung grundlegend.
Wir können zuhören, ohne sofort zu kontern.
Wir können fühlen, ohne überwältigt zu werden.
Wir können Konflikte führen, ohne den anderen abzuwerten.
Regulation schafft Raum zwischen Reiz und Reaktion. Und in diesem Raum liegt unsere Freiheit.
Dann sagen wir vielleicht:
„Ich merke gerade, das triggert mich. Ich brauche einen Moment.“
Statt:
„Du machst immer alles falsch.“
Regulierte Menschen sind nicht konfliktfrei. Aber sie sind präsent. Und Präsenz ist die Grundlage für Verbindung.
Der Weg zurück ins Window of Tolerance
Der erste Schritt ist Bewusstheit. Zu bemerken, wo wir gerade stehen.
Bin ich innerlich hochgefahren? Oder bin ich wie abgeschnitten? Allein das ehrliche Wahrnehmen bringt bereits etwas Beruhigung.
Regulation geschieht über den Körper, nicht über reines Nachdenken. Eine bewusste, verlängerte Ausatmung kann das Nervensystem spürbar beruhigen. Langsames Gehen, Spüren der Füße am Boden, kaltes Wasser über die Hände, all das sind einfache, aber wirkungsvolle Anker.
Ebenso wichtig ist Reizreduktion. Wir müssen nicht alles wissen. Nicht jede Diskussion führen. Nicht jede Nachricht konsumieren. Unser Nervensystem darf geschützt werden.
Und schließlich dürfen wir uns fragen: Mit wem fühle ich mich sicher? Wer tut mir gut? Wer bringt Ruhe in mein System? Solche Beziehungen sind kein Luxus. Sie sind heilsam.
Beziehung als gemeinsamer Regulationsraum
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit: Beziehungen zu Orten zu machen, an denen Regulation möglich ist.
Nicht durch Perfektion.
Nicht durch Konfliktvermeidung.
Sondern durch Bewusstheit und Selbstverantwortung.
Wenn zwei Menschen beginnen, ihr eigenes Nervensystem ernst zu nehmen, verändert sich die Dynamik. Aus „Du bist schuld“ wird „Was passiert gerade in mir uns mit uns?“ Aus Angriff wird Neugier. Aus Rückzug wird Mitteilung.
Und vielleicht entsteht dann ein neues Wir. Ein Wir, das nicht aus Angst reagiert, sondern aus innerer Stabilität wählt.
Einladung
Wo stehst Du gerade?
Spürst Du Übererregung? Oder Rückzug?
Und was würde sich verändern, wenn Du beginnst, Dich selbst sanft zu regulieren, statt Dich oder andere zu bekämpfen?
Vielleicht magst Du nicht nur darüber nachdenken, sondern es direkt erfahren.
Ich lade Dich ein, jetzt einen Moment innezuhalten.
Übung 1: Die 4–7–Atmung – Beruhigung für Dein Nervensystem
Setze Dich aufrecht hin. Beide Füße am Boden.
Wenn Du magst, schließe Deine Augen.
Atme nun 4 Sekunden lang ruhig durch die Nase ein.
Halte den Atem kurz an.
Und atme dann 7 Sekunden lang langsam durch den Mund aus.
Wichtig ist vor allem die lange Ausatmung. Sie signalisiert Deinem Nervensystem: Du bist sicher.
Wiederhole diesen Rhythmus mindestens viermal.
Spüre danach kurz nach.
Was hat sich verändert?
Vielleicht ist da ein Hauch mehr Raum.
Ein kleines Stück Weichheit.
Übung 2: Orientierung im Raum – Sicherheit im Hier und Jetzt
Schließe erst für einige Sekunden Deine Augen. Öffne langsam Deine Augen und beginne, Dich im Raum umzuschauen.
Benenne innerlich fünf Dinge, die Du sehen kannst.
Vier Dinge, die Du hören kannst.
Drei Dinge, die Du körperlich spürst.
Lass Deinen Blick weich werden.
Nimm wahr, dass Du hier bist.
Jetzt.
Und dass in diesem Moment keine akute Gefahr besteht.
Diese einfache Orientierungsübung bringt Dein Nervensystem aus alten Alarmmustern zurück ins Hier und Jetzt.
Regulation beginnt mit Gegenwärtigkeit.
Übung 3: Selbstberührung – Co-Regulation mit Dir selbst
Lege eine Hand auf Dein Herz.
Vielleicht die andere auf Deinen Bauch.
Spüre die Wärme Deiner Hände.
Spüre Deinen Atem unter Deinen Handflächen.
Und sage innerlich ganz leise:
Ich bin da.
Ich kümmere mich.
Ich darf jetzt ruhiger werden.
Unser Körper reagiert auf liebevolle Selbstzuwendung.
Wir können lernen, uns selbst zu regulieren.
Und genau dadurch werden wir auch fähig, andere zu regulieren.
Vielleicht fühlst Du jetzt eine kleine Verschiebung.
Mehr braucht es oft gar nicht.
Denn Regulation geschieht nicht spektakulär.
Sondern still.
Und wenn wir beginnen, uns selbst zu regulieren, verändert sich Beziehung.
Wir werden weicher. Klarer. Verantwortlicher.
In regulierten Beziehungen entsteht Sicherheit.
Und aus Sicherheit entsteht Vertrauen.
Und aus Vertrauen kann echte Nähe wachsen.
Wenn uns Selbstregulation und Co-Regulation gelingen, wenn wir wieder wirklich mit uns selbst verbunden sind, dann wird Heilung möglich.
Und das hat Auswirkungen auf buchstäblich alles.
Herzlich,
Gabriele Klaus![]()
Foto: Pixabay jplenio
