Unsere Zeit ist intensiv.

Ich meditiere regelmäßig.

Nicht, weil ich dadurch immer ruhig und entspannt sein möchte. Auch nicht, weil ich meine Gedanken irgendwie abstellen oder unangenehme Gefühle loswerden will.

Im Gegenteil.

Für mich geht es in der Achtsamkeitsmeditation vor allem um Bewusstheit.

Um die Fähigkeit, wirklich wahrzunehmen, was JETZT gerade geschieht.

Was denke ich?

Was fühle ich?

Was passiert in meinem Körper?

Welcher Impuls taucht gerade auf?

Und was mache ich normalerweise ganz automatisch daraus?

Das klingt zunächst vielleicht unspektakulär. Ist es aber überhaupt nicht.

Denn diese Bewusstheit verändert etwas ganz Entscheidendes: Zwischen das, was geschieht, und unsere gewohnte Reaktion darauf kommt plötzlich ein kleiner Raum.

Fast wie eine Dehnung des Moments.

Und genau dieser Raum kann unser Leben verändern.

Wir reagieren die meiste Zeit automatisch

Unser Geist produziert den ganzen Tag Gedanken.

Er bewertet, vergleicht, erinnert, plant, interpretiert.

Jemand sagt etwas zu uns und innerhalb von Sekundenbruchteilen ist eine ganze Geschichte da.

„Das meint der jetzt bestimmt so und so.“

„Immer macht sie das.“

„Ich werde nicht ernst genommen.“

„Mit mir kann man es ja machen.“

Und schon reagieren wir.

Wir werden ärgerlich, ziehen uns zurück, rechtfertigen uns, greifen an oder machen innerlich dicht.

Das Spannende daran ist: Meist merken wir gar nicht, was da eigentlich passiert ist.

Wir erleben unsere Gedanken nicht als Gedanken.

Wir erleben sie als WAHRHEIT.

Und genauso geht es uns mit unseren Gefühlen.

Wir sagen:

Ich BIN wütend.

Ich BIN traurig.

Ich BIN verletzt.

Ich BIN ängstlich.

Und indem wir das sagen und glauben, verschmelzen wir sozusagen mit diesem inneren Zustand.

Ich bin nicht meine Gedanken.

In der Meditation können wir langsam etwas anderes erfahren.

Wir sitzen da und beobachten.

Ein Gedanke kommt.

Er bleibt eine Weile.

Und irgendwann geht er wieder.

Dann kommt der nächste.

Dasselbe geschieht mit Gefühlen, Körperempfindungen, Erinnerungen und inneren Bildern.

Alles bewegt sich.

Alles verändert sich. Alles ist WANDEL.

Und irgendwann können wir erkennen:

Ich bin nicht dieser Gedanke. Ich habe einen Gedanken.

Ich bin nicht die Angst.

Da ist gerade Angst in mir.

Ich bin nicht die Wut.

Ich nehme Wut wahr.

Das ist für mich eine der tiefsten Erfahrungen der Achtsamkeit.

Gedanken und Gefühle sind Ereignisse in unserem Bewusstsein. Geistige Konstrukte. Sie tauchen auf, verweilen und verschwinden wieder.

Und etwas in uns kann all das beobachten.

Im Zeugenbewusstsein ruhen

Man könnte diesen inneren Ort das Zeugenbewusstsein nennen.

Wir steigen für einen Moment aus der vollkommenen Identifikation mit unseren Gedanken, Geschichten und Emotionen aus und schauen ihnen gewissermaßen beim Geschehen zu.

Nicht kalt.

Nicht distanziert im Sinne von abgespalten.

Sondern wach und gegenwärtig.

Wir lassen alles da sein.

Wir müssen einen unangenehmen Gedanken nicht bekämpfen.

Wir müssen ein Gefühl nicht wegmachen.

Wir müssen auch nicht sofort handeln.

Wir nehmen wahr.

Aha.

Da ist gerade Kränkung.

Da ist Angst.

Da ist der Impuls, mich zu verteidigen.

Da erzählt mein Geist gerade wieder diese alte Geschichte.

Allein dieses Erkennen verändert bereits etwas.

Denn was uns bewusst wird, dem sind wir nicht mehr vollkommen ausgeliefert.

Die Dehnung des Moments

Ich finde das Bild der Dehnung des Moments sehr passend.

Normalerweise läuft vieles unglaublich schnell ab:

Auslöser – Gedanke – Gefühl – Reaktion.

Zack.

Und hinterher fragen wir uns vielleicht, warum wir schon wieder genau so reagiert haben.

Durch Achtsamkeit kann sich dieser Ablauf verlangsamen.

Nicht unbedingt äußerlich.

Manchmal sind es nur Sekunden.

Aber innerlich entsteht plötzlich Raum.

Ich sehe, was gerade geschieht.

Ich kann es benennen.

Und dann kann ich mich fragen:

Möchte ich diesem Impuls wirklich folgen?

Ist das, was mein Geist mir gerade erzählt, tatsächlich wahr?

Reagiere ich gerade auf die gegenwärtige Situation oder auf etwas Altes?

Was möchte ich JETZT wählen?

Hier beginnt für mich Freiheit.

Bewusstheit verändert Beziehungen

Gerade in Beziehungen ist diese Fähigkeit unglaublich wertvoll.

Denn nirgendwo werden unsere alten Muster so zuverlässig aktiviert wie dort, wo uns Menschen wirklich etwas bedeuten.

Der Partner sagt einen Satz.

Ein Blick.

Ein bestimmter Tonfall.

Und schon läuft in uns ein komplettes Programm ab.

Vielleicht eines, das sehr alt ist.

Wenn wir damit vollkommen identifiziert sind, reagieren wir aus diesem Programm heraus.

Wir glauben dann, DER ANDERE sei das Problem.

Dabei erleben wir in diesem Moment vielleicht vor allem unsere eigene Interpretation dessen, was gerade passiert.

Mit Bewusstheit können wir innehalten.

Wir können wahrnehmen:

Was geschieht hier eigentlich gerade IN MIR?

Was denke ich?

Was fühle ich?

Was befürchte ich?

Und was davon gehört wirklich zu dieser Situation?

Das bedeutet nicht, dass wir alles hinnehmen oder uns alles gefallen lassen sollen.

Überhaupt nicht.

Bewusstheit macht uns nicht passiv.

Sie ermöglicht uns vielmehr, klarer zu handeln.

Nicht aus einem unbewussten Reflex heraus, sondern aus einer inneren Wahl.

Wir haben Gedanken und Gefühle – wir sind sie nicht

Je öfter wir diese Erfahrung in der Meditation machen, desto mehr kann sie langsam in unseren Alltag hineinwirken.

Wir merken früher, wenn wir uns in einer Gedankengeschichte verlieren.

Wir bemerken schneller, wenn ein Gefühl uns komplett übernimmt.

Und wir können uns erinnern:

Das ist gerade eine Erfahrung in mir.

Sie ist da.

Ich darf sie fühlen.

Aber sie definiert nicht, wer ich bin.

Für mich liegt darin etwas unglaublich Befreiendes.

Denn wenn ich nicht jeder Gedanke bin, den mein Geist produziert, muss ich auch nicht jedem Gedanken folgen.

Wenn ich nicht jedes Gefühl bin, das durch mich hindurchzieht, muss ich auch nicht aus jedem Gefühl heraus handeln.

Ich habe eine Wahl.

Genau dort beginnt Veränderung.

Können wir dadurch andere Menschen werden?

Ich glaube: ja.

Nicht dadurch, dass wir uns gewaltsam optimieren.

Nicht dadurch, dass wir eine bessere Version unserer Persönlichkeit produzieren.

Sondern dadurch, dass wir unsere Automatismen immer deutlicher erkennen und uns nicht mehr vollkommen von ihnen steuern lassen.

Vielleicht reagieren wir in einer Situation, in der wir sonst laut geworden wären, plötzlich nicht.

Vielleicht stellen wir eine Frage.

Vielleicht sagen wir ehrlich, dass uns etwas verletzt hat.

Vielleicht merken wir, dass wir gerade recht haben wollen und entscheiden uns stattdessen für Verbindung.

Vielleicht tun wir einfach für einen Moment gar nichts.

Und jedes Mal, wenn wir anders wählen, entsteht ein neuer Weg.

So verändert sich unser Leben.

Nicht unbedingt durch die ganz großen Entscheidungen.

Sondern durch diese kleinen bewussten Momente.

Immer wieder.

Bewusstheit ist für mich eine Lebenspraxis

Meditation endet deshalb für mich nicht auf dem Meditationskissen.

Dort üben wir.

Das eigentliche Leben beginnt danach.

Wenn wir enttäuscht werden.

Wenn jemand uns kritisiert.

Wenn wir Angst bekommen.

Wenn wir uns zurückziehen wollen.

Wenn alte Geschichten wieder auftauchen.

Genau dort zeigt sich, ob wir uns erinnern können.

Ob wir einen Moment innehalten.

Ob wir wahrnehmen können, was gerade ist, ohne sofort damit zu verschmelzen.

Und vielleicht entdecken wir dann etwas hinter all den Gedanken und Gefühlen.

Etwas Ruhigeres.

Weiteres.

Einen inneren Raum, der nicht jedes Mal mitgerissen wird von dem, was gerade durch unser Bewusstsein zieht.

Für mich ist Achtsamkeitsmeditation deshalb sehr viel mehr als eine Entspannungsmethode.

Sie ist eine Einladung, aufzuwachen.

Uns selbst immer genauer kennenzulernen.

Unsere Geschichten zu durchschauen.

Unsere Gefühle wirklich zu fühlen, ohne sie zu unserer Identität zu machen.

Und aus diesem wachen Raum heraus unser Leben immer wieder neu zu wählen.

Denn nur was uns bewusst ist, können wir verändern.

Und vielleicht beginnt genau dort die wirkliche Freiheit.

Vielleicht magst Du es ja einfach einmal selbst ausprobieren.

Nimm Dir ein paar Minuten Zeit, werde still und beobachte, was gerade in Dir geschieht. Deine Gedanken. Deine Gefühle. Deinen Körper. Ohne etwas verändern zu müssen.

Nur wahrnehmen.

Und vielleicht entdeckst Du dabei diesen kleinen Raum zwischen dem, was in Dir auftaucht, und Deiner Reaktion darauf.

Probier es gerne aus.

Und beobachte neugierig, was sich verändert, wenn Du nicht sofort reagieren musst, sondern für einen Moment einfach nur bewusst DA BIST.

Sei herzlich gegrüßt, von Gabriele

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